Altes Wissen in neuen Worten: Patanjali über störende Stressfaktoren

Es gibt diese Tage, an denen kann es uns niemand recht machen. Alles läuft einem gegen den Strich, man wünscht sich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit, nimmt alles persönlich und fühlt sich, als hätte sich das Leben gegen einen gestellt. Und wenn man auf dieser negativen Denkspirale schließlich ganz unten angekommen ist, kann es einem irgendwann sogar Angst und Bange um die eigene Existenz werden.

Fünf Ursachen für Stress

Willkommen im Reich der kleshas, der fünf Leiden, die der Gelehrte Patanjali in seinem Yogasutra als wesentliche Störfaktoren definiert, die uns vom sorglosen und einfach glücklichen Dasein abhalten. Was Patanjali vor über 4000 Jahren als Leiden bezeichnete, kann man heute auch durchaus als Stressauslöser verstehen.

„Ich bin total im Stress!“ ist eine Standartaussage, wenn man Kollegen, Freunde oder Familie fragt, wie es ihnen geht.

Was vor 100 Jahren noch nicht als eigenständigen Begriff gab, hat heute einen festen Platz in unserem Wortschatz und in unserem Leben. Ohne Stress geht es scheinbar gar nicht, manch einer sieht ihn als eine Art „must have“ an! Aber zu viel davon kann dramatische Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele haben. Was sind nun also die fünf kleshas, die den Fluchtreflex in uns auslösen?

1. avidya = Nicht-Wissen, Verwechslung

Die Wurzel allen Übels ist laut Patanjali die Tatsache, dass wir das Falsche für richtig halten, das Unwichtige für wichtig, die Illusion für wahr. Wer das erkannt hat, der kann hier aufhören zu lesen, denn für den stellen sich eigentlich keine Probleme mehr auf dem weiteren Lebensweg dar. Herzlichen Glückwunsch zur Erleuchtung!

Allen anderen wird es vielleicht ähnlich wie mir gehen, man hat so eine leise Ahnung davon, was gemeint sein könnte. Aber weder ist der Geist willig und das Fleisch ist auch ganz schön schwach, wenn es darum geht, aus einer Ahnung Wissen werden zu lassen.

Deshalb verwechseln wir Leidvolles mit Freudvollem, halten also das, was eigentlich Stress verursacht für etwas, was uns glücklich macht.

Wir suchen im Außen, was wir laut Patanjali eigentlich die ganze Zeit in uns tragen – wenn wir uns als das unendlich glückselige Wesen erkennen, für das die meisten spirituellen Traditionen den Menschen bezeichnen. Im Allgemeinen definieren wir uns aber über das, was von außen kommt, also über die „Hardware“, anstatt über die Software.

2. asmita = Ich-Bezogenheit, Ego

Ach ja, das arme Ego. Im Yoga wird es gerne als Buhmann für alles hergenommen. Wenn es irgendwie schief läuft oder jemand über ein als zu groß empfundenes Selbstbewusstsein verfügt, dann ist das liebe Ego daran schuld und alles was man zu tun hat ist, es einfach loszulassen. Weg damit, Schluss mit den ganzen Identifikationen, mit „mein Haus, meine Frau, mein Boot“.

Im Prinzip erklärt dieser Punkt noch ein bisschen deutlicher, was mit Verwechselung gemeint ist. Nämlich, dass wir unseren Körper, unsere Gedanken und Talente für das sagenumwobene Selbst halten, dessen Erfahrung man vielleicht mit dem Bewusstseinszustand beschreiben kann, den man als dreijähriges Kind hatte.

Man erlebt die Welt, ohne sich getrennt von ihr wahrzunehmen, man ist mittendrin im Leben, ohne einen Begriff von Raum, Zeit und Status zu haben. Pure Freude am Dasein, eben noch um die Schaufel gekloppt und im nächsten Augenblick glückselig Sand gegessen.

Kinder reagieren vorurteilsfrei auf das, was hier und jetzt passiert, ohne sich im entferntesten Gedanken über die Zukunft oder die Vergangenheit zu machen.

Bis uns nach und nach erzählt wird, wer und wie wir sind und zu sein haben, und wir schließlich als erwachsener Mensch denken, dass das Glück in der neuen Nagellackfarbe, der trendigen Frisur, dem aktuellsten Smartphone, der größeren Wohnung, dem besser bezahlten Job oder im vierten Glas Wein liegt. Und ja, manchmal ist da auch so. Und macht totalen Spaß. Für einen gewissen Zeitraum.

Aber dann klafft da plötzlich wieder diese große Lücke und das nächste große Ding muss her, um sie zu stopfen.

3. raga = Gier, Habenwollen

Wenn uns einmal etwas glücklich gemacht hat, dann wollen wir es ständig wiederholen. Eine ganz natürliche Reaktion. Wenn uns das Essen im Restaurant das so richtig gut geschmeckt hat, dann bestellen wir es beim nächsten Besuch gleich wieder.

Das kann gut gehen, aber auch zu einer bitteren Enttäuschung führen, etwa, wenn ein anderer Koch am Herd steht, der das Rezept nur ein klein wenig anders umsetzt. Oder wir reisen zurück an den Urlaubsort vom letzten Jahr und erwarten, dass es wieder ganz genauso schön wird – was meistens nicht der Fall ist.

Die Dinge verändern sich, wir verändern uns, aber wir halten nur zu gerne an dem fest, was uns in einem Moment gut getan hat, um es immer wieder  zu erleben.

In der Umkehrfolge vermeiden wir so gut es geht das, was uns keine Freude macht. Eigentlich auch eine ganz logische Vorgehensweise. Wenn die Hand einmal Bekanntschaft mit der Herdplatte gemacht hat, dann werden wir einen Teufel tun und nochmal eine Brandblase riskieren.

4. dvesha = Abneigung

Wir lehnen alles ab, was uns auch nur im Entferntesten daran hindern könnte, glücklich und zufrieden sein. Manchmal ist es auch einfach nur so ein Gefühl, warum wir zum Beispiel jemanden unsympathisch finden oder ein bestimmtest Nahrungsmittel ums Verrecken nicht ausprobieren wollen.

Irgendwann haben wir mal eine Erfahrung gemacht, die unangenehm war und werden daran erinnert, warum sollten wir das wiederholen wollen? Nun ja, vielleicht verpassen wir ja etwas! Aus Fehlern zu lernen macht klug, aber manchmal bauen wir unnötige Blockaden auf, die uns vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt von einem großen Vergnügen abhalten.

Wir halten so fest, dass wir vergessen, dass eigentlich alles fließt, alles verändert sich, ständig.

Wer als Kind nicht gerne spazieren gegangen ist und sich deshalb als Erwachsener die wohltuende Wirkung von Natur und frischer Luft enthält, dem entgeht was! Denn – die Dinge verändern sich, wir verändern uns.

5. abinivesha = Angst vor dem Tod

Aus Sommer wird Herbst wird Winter. Aus Tag wird Nacht. Aus Anfang wird Ende und im Prinzip haben wir doch nur Angst vor dem Endgültigen, dem Unabwendbaren, weil das Leben an sich eine ganz feine Sache ist. Nicht immer, vor allem wenn Stress und Leid dazwischen kommen, aber prinzipiell schon. Deshalb klammern wir uns daran.

Und weil wir Angst haben vor dem, was danach kommt. Oder ist es mehr die Angst vor dem Sterbeprozess an sich? Hier beruhigt uns Patanjali und gibt zu, dass sogar die Weisesten der Weisen von diesem Leid befallen sind. Tja, und nun?

Was hilft gegen Nicht-Wissen, Ich-Bezogen-heit, Gier, Ablehnung und Todesangst? Wie immer sind auch hier aller guten Dinge genau drei: Disziplin, Selbstreflektion und Vertrauen. Dies sind die Säulen des Kriya Yoga, der Yoga des Handelns, den Patanjali uns als Werkzeug gegen Stress empfiehlt.