Dossier Natur

Kurzgeschichte: Der alte Mann und der Stein

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Der alte Mann und der Stein

von Nadine Menger

Es war einmal ein alter Mann, der als Holzfäller in einem Wald arbeitete, welcher nah an einem Fluss lag. Jeden Mittag lief der Mann ans Ufer des Flusses, um dort sein verschwitztes Gesicht und die schmerzenden Hände im klaren Wasser zu erfrischen. Er ging immer an dieselbe Stelle und griff während seines Reinigungsrituals in einen Gesteinshaufen, der am Uferrand aus dem Wasser hervorragte. Nur ein paar Zentimeter unter der Wasseroberfläche zog er einen bestimmten Stein aus dem Haufen heraus, den die Strömung im Lauf der Zeit besonders schön rund und weich gewaschen hatte.

Der alte Mann liebte diesen zarten, matten Stein.

Ihn zu berühren und durch seine Hände wandern zu lassen hatte etwas sehr Tröstliches. Er redete mit dem Stein, vertraute ihm seine Freuden und sein Leid an. Man könnte getrost sagen, dass der Stein der beste Freund des alten Holzfällers war. Deshalb war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er seinen Schatz immer wieder sorgfältig an die gleiche Stelle im Gesteinshaufen zurück steckte, damit er ihn auch ja am nächsten Tag dort wiederfinden würde.

„Morgen komme ich wieder, und dann hat dich das Wasser wieder ein wenig mehr umschmeichelt und deine Oberfläche so schön geschmeidig gemacht. Kein Stein ist wie du. Ich darf dich niemals verlieren.“

Die von der Arbeit wunden und rauhen Hände taten ihm nach der Berührung seines Steines jedes Mal weniger weh. Seine heilsamen Kräfte machten den Stein für den alten Mann zu einem einzigartigen Geschenk, wie es ihm kein Geld der Welt jemals würde kaufen können.

Eine Tages ließ ein heftiges Unwetter den Fluss anschwellen und verwandelte das sonst so beschaulich fließende Gewässer in eine alles mit sich reißende Naturgewalt. Ein gigantisches Sturmtief wütete über den Wald hinweg, entwurzelte Bäume, zerstörte das Holzlager und richtete einen nicht wieder gutzumachenden Schaden an. Denn diesen Kräften war der Stein des alten Mannes nicht gewachsen.

Er löste sich aus dem Gesteinshaufen und wurde mit der tosende Strömung weggerissen. Der Stein schleuderte über und unter Wasser an andere Steine und Geröllhaufen und wurde nach einer kilometerlangen wilden Reise mit aller Wucht aus dem Fluss an Land geschleudert. Dort lag für die nächsten Jahre, ohne das ihn jemand eines besonderen Blickes gewürdigt hätte.

Der alte Mann war traurig, dass er seinen Stein verloren hatte.

Und nicht nur das, auch seine Arbeit hatte er verloren, denn das Holzlager war bei dem Unwetter komplett zerstört worden. Da er schon fast im Rentenalter war, fand er keine neue Anstellung. Das einzige, was ihn in dieser schweren Zeit aufmuntern konnte, war seine Enkelin. Sie war noch ein Baby, als das Unglück geschah. Um sich davon abzulenken, kümmerte sich der alte Mann nun ganz besonders um das Kind. Die beiden entwickelten eine enge Beziehung und verbrachten viele wundervolle Momente zusammen.

Dem alten Holzfäller war es wichtig, seiner Enkelin die Liebe zur Natur weiterzugeben, deshalb ging er oft mit ihr hinaus in den Wald. Der Weg führte die beiden auch immer wieder an dem Fluss und mit den Jahren, in denen das Mädchen heranwuchs, wuchsen auch ihr Interesse und ihre Begeisterung für alles, was mit der Natur zu tun hatte. Sie fragte den alten Mann pausenlos aus und ließ sich alles genauestens erklären.

Wenn dem Holzfäller die Antworten oder die Luft ausging, suchten sie sich einen Platz am Flussufer, hängten die müden Füße ins klare Wasser und ließen sich ein paar geschmierte Brote schmecken. Sie ruhten sich aus, der alte Mann schlief ein und das Mädchen ließ Sand durch ihre Finger rieseln, kühles Wasser über ihre Zehen rauschen und baute aus den um sie herum liegenden Steinen kleine Türme. Einer der Steintürme war ganz besonders hoch geworden und sie weckte ihren Großvater, um ihn ihm stolz zu präsentieren.

„Schau mal, Großvater, was für einen tollen Turm ich mit diesen schönen glatten Steinen gebaut habe! Ich wette, so einen schönen Turm aus so schönen Steinen hast du noch nie gesehen!“ sagte sie zum alten Holzfäller.

„Da hast du Recht, einen so schönen Turm habe ich tatsächlich noch nicht gesehen. Aber mit Sicherheit einen Stein, der so schön ist wie kein anderer auf diesem Haufen“, erwiderte er.

„Ein Stein der noch schöner sein soll, als diese hier? Niemals!“, rief das kleine Mädchen. „Den will ich sehen!“

„Das geht leider nicht“, antwortete der alte Mann. „Ich habe ihn verloren.“

Und er erzählte ihr die traurige Geschichte von seinem Stein mit den heilsamen Kräften. Das kleine Mädchen hörte aufmerksam zu und bemerkte, wie viel der Stein ihrem Großvater bedeutet hatte. Sie umarmte ihn, gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte: „Bestimmt finde ich einen neuen Lieblingsstein für dich.“ Der alte Mann lächelte mild und freute sich über den Trost des kleinen Mädchens. Tief im Inneren aber dachte er, dass sein Stein für immer verloren war und kein anderer ihn jemals ersetzen konnte.

Nach ein paar Tagen kamen die beiden auf ihrem Spaziergang durch den Wald wieder am Flussufer an und ließen sich für eine Pause nieder. Sie aßen, tranken, erfrischten Gesichter, Hände und Füße. Der Holzfäller legte sich hin, schob seinen Hut ins Gesicht und fiel in einen erholsamen Schlaf. Das kleine Mädchen schaute sich um und überlegte, was sie in der Zeit nun machen könne.

Sie beschloss, einen noch höheren Steinturm zu bauen als in den Tagen zuvor.

Sie sammelte so viele Steine sie konnte, sortierte sorgfältig aus, welche die rundesten und geschmeidigsten waren, um aus ihnen ihr Meisterwerk zu erschaffen. Alle Steine mit Ecken und Kanten warf sie weit von sich weg, bis sie auf einmal einen Stein in der Hand hielt, der ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie umfasste ihn mit beiden Händen und fühlte eine ungewöhnliche Anziehungskraft von ihm ausgehen.

Es war ein schroffer, unförmiger Stein, der scharfe Kanten hatte. An den Stellen, an denen ein Stück der matten Oberfläche abgeplatzt war, schimmerte der Stein in ganz besonderen Farben. Das kleine Mädchen war fasziniert und hielt den Stein in die Sonne. Das Licht brach sich in seinen Ecken und Kanten und ließ den Stein wie einen Diamanten funkeln. Seine Farben changierten und das Mädchen spürte den Stein in ihrer Handfläche angenehm pulsieren.

Mit der freien Hand tastete sie nach dem Arm ihres Großvaters und rüttelte ihn wach. „Großvater, sieh doch…“ flüsterte sie. Der alte Mann grummelte kurz vor sich hin, schob sich die Hutkrempe mit einem Finger aus dem Gesicht und traute seinen Augen kaum, als er sah, warum seine Enkelin ihn aus dem Schlaf geholt hatte.

Der Stein funkelte und strahlte wie nichts anderes, das er je zuvor gesehen hatte. Über die aufgeschlagenen Stellen zogen alle Farben des Regenbogens und erweckten den Stein zum Leben.

„Man kann mitten in ihn hineinschauen“, flüsterte das Mädchen. „Er lässt sein Herz für uns tanzen.“

Der alte Mann bestaunte das Spektakel in der Hand seiner Enkelin. „Ja, dieser Stein ist tatsächlich etwas ganz besonderes“, sagte er bewundernd. Und dann fügte er traurig hinzu: „Pass gut auf ihn auf! So etwas findet man nur einmal im Leben. Wenn man es verliert, dann ist es ein für alle mal weg.“

Das kleine Mädchen betrachtete den Stein in ihrer Hand. Ja, er war besonders. Aber sie wollte ihn nicht behalten. Sie hatte immer ein paar winzig kleine Kieselsteine in der Hosentasche, die ihr als Schatz genug waren. Einen anderen wollte sie nicht. „Ich schenke ihn dir!“, sagte sie zu ihrem Großvater, griff nach seiner großen, rauen Hand und legte den Stein hinein.

Und noch bevor der alte Mann etwas sagen konnte, durchlief ihn ein wohliges Gefühl, wie er es seit langer Zeit nicht mehr verspürt hatte.

Konnte das etwa sein Stein sein? Er betrachtete ihn von allen Seiten. Er hatte in keinster Weise Ähnlichkeit mit dem glatten und seidig weichen Handschmeichler von damals. Er war das genaue Gegenteil, spitz, schroff und mit unzähligen Ecken und Kanten. Aber er spürte eine vertraute Energie und hatte sogleich das Bedürfnis, den Stein durch seine Hände wandern zu lassen, seine einzigartige Form zu ertasten und mit einem langen Blick bis in das Innerste des Steines hervorzudringen. Ja, das war sein Stein. Und er war schöner als je zuvor.

Seine wilde Reise hatte den Stein verwundet. Aber durch diese Wunden, durch die Ecken und Kanten konnte der alte Holzfäller die wundersame Heilkraft des Steines nicht nur spüren, sondern auch sehen. Und was er da sah, all die Farben, die Tiefe, das Lebendige, das waren sein Herz und seine Seele, die der alte Mann dem Stein vor Jahren anvertraut hatte.

Ende

 

 

 

10 Comments

  1. Asli

    18. April 2017 at 8:16

    Wow! So schööön! ❤️

  2. Nadine

    18. April 2017 at 12:54

    Die Geschichte hat mir einen ganz wohligen Schauer hinterlassen. Sehr schön, danke.

  3. Dagmar

    18. April 2017 at 20:49

    Danke von Herzen für diese ganz wunderbar schöne Geschichte

  4. Nadine

    18. April 2017 at 21:31

    Lieben Dank, Asli! Das freut mich. ❤️

  5. Nadine

    18. April 2017 at 21:32

    Sehr sehr gerne! Auch von Herzen. ❤️

  6. Nadine

    18. April 2017 at 21:33

    Oh, das beschert jetzt mir einen wohligen Schauer, Dankeschön! ❤️

  7. Annika

    19. April 2017 at 22:22

    Ja soooooo schön, wenn ich nicht wüsste, das Du das Schreiben beruflich machst…. Auch wenn ich jetzt geteert und gefedert werde, weil ich es wage Kritik zu äußern.
    Ich glaub das kannst Du besser!
    Lässt du denn niemanden Korrektur lesen bzgl. Grammatik, Rechtschreibung, Aufbau etc.?
    Hand aufs Herz da gibt es noch viel zu tun.
    Ich will deine burnout Arbeit nicht klein reden, aber Du betonst selbst sehr häufig das Du das Handwerk des Schreibens beherrschen würdest.
    Wer sich selbst so herausstellt, der heischt förmlich danach, das man doch noch mal genauer drüber liest.
    So, jetzt bin ich mal gespannt auf deine Reaktion 🙂

  8. Marina

    19. April 2017 at 22:41

    Echt jetzt Annika?
    Finde ich nicht.
    Es sind Rechtschreibfehler drin – na und who cares
    Darum geht es doch nicht.
    Aber so ist das immer im öffentlichen Netz
    So viele Meinungen.

  9. Nadine

    19. April 2017 at 22:59

    Liebe Annika, natürlich möchte ich dich nicht all zu lange (schreibt man das so?) auf die Folter spannen mit meiner Reaktion. Ja, ich liebe das Schreiben und nein, diese Geschichte hat niemand gegengelesen (oder gegen gelesen?). Und doch hat sie die meisten Kommentare von allen Blogeinträgen bis jetzt. Weil sie berührt. Und das ist mir persönlich wichtiger als ein paar Flüchtigkeitsfehler. Ich weiß gar nicht so genau, warum du mich aus der Reserve locken willst. Naja, du wirst deine Gründe haben. Von Herzen alles Liebe und Gute für dich. 🙂

  10. Nadine

    19. April 2017 at 23:00

    Lieben Dank für deine Rückendeckung, Marina! ☺️ Liebe Grüße, Nadine

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