Interview

Soforthilfe bei Stress und Angst – Farina Schurzfeld

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Wer jetzt denkt, dass Psychotherapie im Internet nichts Seriöses sein kann, für den habe ich drei Stichworte: Cambridge University, Charité Berlin und Herzensangelegenheit durch persönliche Erfahrung.

Eine bessere Ausgangsbasis konnte es für die drei Gründerinnen Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld (Bildmitte) eigentlich gar nicht geben, als sie im Januar 2016 mit Selfapy online gingen. Heute nutzen schon 1.500 angemeldet User das Kursangebot und bekämpfen damit ihre Themen wie Depression, Stress oder Angst.

Ein Kurs läuft über neun Wochen und kann im Alleingang oder unter Hinzunahme von telefonischer Begleitung durch einen Psychologen durchgeführt werden. Die Webseite ist übersichtlich und leicht verständlich aufgebaut, die selbsterklärenden Lektionen unkompliziert zu bearbeiten.

Es gibt motivierende Mails während des Kursverlaufs, die nicht nur hilfreiche Anregungen enthalten, sondern einem das Gefühl vermitteln, dass man nicht alleine ist und dass jemand dafür sorgt, dass man am Ball bleibt. Das ganze Konzept hat absolut Hand und Fuß und für den Stresskurs gab es nun sogar die Akkreditierung durch die Krankenkasse, so dass dieser erstattbar ist.

Noch mehr Infos findest du unter www.selfapy.de und hier im Interview, das ich mit Farina, einer der Gründerinnen von Selfapy, geführt habe.

Was war eure Motivation, um Selfapy ins Leben zu rufen?

Meine zwei Mitbegründerinnen und ich kamen aus unterschiedlichen Richtungen auf den gleichen Weg. Kati und Nora sind Psychologinnen und haben sich während ihres Studiums in Cambridge kennengelernt. Ich habe die beiden über einen Artikel kennengelernt, den ich über sie gelesen habe.

Kati ist an der Charité tätig und muss dort reihenweise Bewerber ablehnen, die dringend einen Psychotherapieplatz benötigen.

Noras Mutter ist Psychotherapeutin und von ihr hat sie so oft gehört, dass sie manchmal gar nicht mehr weiß, wohin mit den ganzen Patienten.

Ich habe in meinem privaten Umfeld die Erfahrung gemacht, dass die langen Wartezeiten es den Betroffenen in ihrer Situation noch schlechter gehen lässt.

Eine wirksame Lösung musste her! Und wir drei ergänzen uns sehr gut mit unserer beruflichen Erfahrung.

Ich bringe das BWL-Wissen ein, und als ich in einem Artikel über Katis und Noras Projekt gelesen habe, Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Soforthilfe übers Internet zu bieten, da hat es direkt gefunkt.

Was genau bietet Selfapy an?

Selfapy bietet Menschen mit leichter bis mittlerer Depression, Stress oder Angst einen Therapieansatz an, der ihnen dabei hilft, ihre Situation sofort zu verbessern.

Über das Internet funktioniert dies flächendeckend in ganz Deutschland und vor allem Menschen in ländlichen Regionen profitieren davon.

Für wen ist euer Selbsthilfeportal geeignet?

Für Menschen, die auf einen Therapieplatz warten, ist Selfapy eine wirksame HIlfe zur Überbrückung. Menschen, die bereits eine Therapieerfahrung haben, bietet Selfapy eine qualifizierte Nachsorge. Wenn sich jemand noch nicht traut, zu einem Psychotherapeuten zu gehen, kann er sich über Selfapy ganz entspannt an das Thema herantasten.

Unsere Kurse werden hauptsächlich von Menschen zwischen 40 und 50 Jahren belegt, aber auch viele jüngere Leute ab 20 Jahre kommen mittlerweile auf unsere Seite, die wegen Prüfungsängsten nach Rat bei uns suchen.

Der Hauptteil der Nutzer ist weiblich, Frauen sind solchen Konzepten offener gegenüber und haben eine niedrigere Hemmschwelle wenn es darum geht, über ihre Gefühle zu sprechen. Aber auch Männer nutzen unser Angebot, zum Beispiel wenn sie gerade in einer Trennungssituation sind. Bei Frauen sind die Themen wie Stress, Verlust, Krankheit oder postnatale Depression.

Kann Selfapy eine Behandlung durch einen Psychotherapeuten oder Psychologen ersetzen?

Nein, auf keinen Fall. Und wir stellen auch keine Diagnosen, sondern geben eine Handlungsempfehlung. Die Methoden die wir dazu nutzen sind die eines Psychotherapeuten, die er nutzt, um eine Diagnose zu stellen. Wer ehrlich antwortet, der bekommt eine Handlungsempfehlung, aber das ist keine ärztliche Diagnose und ersetzt keine Therapie.

Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Thema mentale Erkrankung um und haben deswegen auch Kooperationen mit Kliniken und Psychotherapiepraxen geschlossen, um Nutzer mit Symptomen, die zum Beispiel über eine mittelschwere Depression hinausgehen weiter vermitteln zu können.

Das Thema Depression und Burnout nimmt immer mehr zu, hast du eine Idee, warum?

Es ist eine Mischung aus verschiedenen Faktoren. Zum einen werden einfach viel mehr Fälle von Depression und Burnout diagnostiziert als früher. 80% aller Diagnosen werden heute vom Hausarzt gestellt. Vor 15 Jahren war das Wort Burnout noch kein Thema und das Thema Depression tabu. Was sich außerdem negativ auf unseren Zufriedenheitsstatus auswirkt, sind die Optionen.

Wir haben zu viele Möglichkeiten, zu viel Auswahl und immer das Gefühl, dass es immer noch etwas Bessers gibt.

Das ist Fluch und Segen unserer Wohlstandsgesellschaft, in der wir heute leben. Unsere Großelterngeneration musste sich mit dem zufrieden gegeben, was sie hatte und macht daraus das Beste.

Was sind deutliche Anzeichen für eine mentale Störung, bei denen man ruhig mal einen Test machen sollte?

Psychische Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen treten häufig in Veränderungssituationen auf. Von der Schule ins Studium, vom Studium in den Beruf, wenn Kinder ins Leben dazu kommen, die Wechseljahre kommen oder man in Rente geht. Der Geist ist überfordert und geht in den Stand-by-modus und signalisiert: Hilfe, das ist mir zu viel gerade mit alle der Veränderung, ich komme nicht klar.

Wenn man zum Beispiel in so einer Situation steckt oder sie gerade hinter sich hat und an mehr als sieben Tage am Stück Symptome wie Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit, ein starkes Erschöpfungsgefühl, eine starkes Gefühl von Stress oder nur noch negative Gedanken auftreten, dann sind das schon deutliche Signale.

Wenn man einmal merkt, dass man auf der Abwärtsspirale unterwegs ist, sollte man wirklich frühzeitig intervenieren, damit der Weg zurück nach oben nicht unnötig länger dauert und immer beschwerlicher wird. Wenn man ehrlich zu sich ist und dies einschätzen kann, kann man auch sehen ob man agieren muss. Dafür ist der kostenlose Selbsttest da.

Du hast längere Zeit in Australien gelebt, Kati und Nora in UK. Wird das Thema mentale Erkrankungen eurer Erfahrung nach in Deutschland anders gesehen als im Ausland?

Ja, absolut. In Deutschland sind mentale Erkrankungen immer noch ein sehr sensibles Thema, das negativ belegt ist. Gegen dieses Stigma wollen wir ankämpfen mit dem was wir machen, mit der onlinebasierten Selbsthilfe, mit Events und Aufklärungsarbeit. In Australien, UK, Amerika oder auch Skandinavien wird das Thema ganz anders behandelt.

In Amerika geht man zum Coach und das ist cool. Dabei ist es nur ein anderes Wort, denn im Endeffekt ist auch der Coach ein Psychotherapeut, ähnlich verhält es sich in England.

In Australien ist die Onlinetherapie gang und gäbe, denn was soll machen bei den Entfernungen, die dieses Land nun mal mit sich bringt? Dort ist es schon seit Jahren der Fall, dass die klassische Verhaltenstherapie online gebracht wird. Das Netz ist spitzenmäßig ausgebaut, Australien hat eine der besten Internetabdeckung der Welt und so greifen dort viele Menschen ganz selbstverständlich auf Hilfsangebote aus dem Internet zurück.

 Ihr bietet eurer Konzept auch ausdrücklich an Unternehmen an, warum?

Laut Bericht der Barmer Ersatzkasse aus dem Januar 2017 ist der zweithäufigste Krankschreibungsgrund in Deutschland mittlerweile psychische Erkrankung.

Es ist sowohl ein Thema für die Corporate Social Responsibility eines Unternehmens, um sich bewusst für die Gesundheit der Mitarbeiter einzusetzen, und außerdem ist es von großem Interesse für die Finanzabteilungen. Eine fünfwöchige Krankschreibung kostet ein Unternehmen viel Geld.

Wir haben mittlerweile eine Zahl von 82 Millionen Krankheitstagen pro Jahr durch psychische Erkrankungen in Deutschland erreicht.

Wir implementieren Selfapy gerade bei einem Unternehmen in Niedersachsen und verbinden das mit einer Studie, von der wir uns zum Ende des Jahres schon jetzt aussagekräftige Ergebnisse im Hinblick auf eine deutlich reduzierte Anzahl von Krankheitstagen und eine spürbar gesteigerte Produktivität versprechen.

Thema „Anonymität der Internets“, wie nehmt ihr potentiellen Nutzer die Angst davor?

Wir sind „half human, half technology“. Selfapy funktioniert so gut durch die psychologische Betreuung, die begleiteten Kurse haben eine deutlich bessere Symptomreduktion vorzuweisen.

Damit schlagen wir die Vertrauensbrücke und mindern die Skepsis, denn es stehen Menschen hinter der onlinebasierten Selbsthilfe, mit denen man telefonieren kann oder sogar per Videochat kontaktieren kann.

Und wer will, kann euch ja auch live erleben!

Ja, wir letztes Jahr haben wir in den Berlin den „Happy Mind Day“ veranstaltet, da haben wir einen sehr schönen Tag mit Sport und Mediation verbracht, und einem Fachvortrag über psychische Erkrankungen und Sport.

Dann haben wir auch schon ein Meditationsevent gemacht, weil man mit Einsicht und Selbsterkenntnis sehr gut Frühwarnsignale erkennen kann. Und wir haben eine wöchentliche Laufgruppe in Berlin, die sich jeden Mittwochabend trifft.

Für die Zukunft möchten wir den Communitygedanken offline weiter ausbauen, wir denken da unteranderem an Selbsthilfegruppen, die sich regional in Deutschland gründen.

Das Onlineportal ist eine Brücke von der digitalen Selbsthilfe ins echte Leben. Denn darum geht es im Endeffekt, das man aus einer mentalen Erkrankung wieder herausfindet und die Lebensfreude für sich wiederentdeckt.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr Infos unter www.selfapy.de

Tipp: Du bist dir nicht sicher, ob du vielleicht schon mitten in einem Burnout steckst? Dann werde aktiv,   schau dir die 5 Stufen des Burnout an, die ich dir hier zusammengestellt habe und mach den Selbsttest bei Selfapy.

2 Comments

  1. Annika

    19. April 2017 at 22:24

    Danke für diesen Artikel,
    Wer kritisiert darf auch loben.
    Ich habe das direkt an 2 Freunde von mir weiter gegeben die verzweifelt auf einen Platz warten.

  2. Nadine

    19. April 2017 at 23:01

    Sehr gerne, das freut mich.

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