Gastbeitrag WorkLife

Sabrina Naumann – Vom langen Abschied der Work-Life-Balance

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Seitdem ich denken kann, beschäftige ich mich mit den Zusammenhängen zwischen Körper, Geist und Seele. Es war schon als Teenager immer das Thema, das mich am meisten interessiert und gefesselt hat. Ich glaube, dass wir alle unsere ganz eigenen, speziellen Fähigkeiten haben. Wenn man genau hin schaut, stellt man fest, dass jeder Mensch eine ganz individuelle Leidenschaft hegt. Dieses eine Gebiet, in dem er sich richtig gut auskennt und über das er alles erfahren möchte.

Dieses eine Thema bei dem er gar nicht merkt, wie schnell die Zeit vergeht, weil es so viel Spaß macht und so erfüllend ist, sich damit zu beschäftigen.

Menschen, die ihre Aktivitäten mit Leidenschaft erfüllen, sind gut in dem was sie tun. Für die einen mag das die Beschäftigung mit Tieren sein. Für andere ist es, Kinder zu begleiten. Für wieder andere steckt die Leidenschaft darin, technische Probleme zu lösen. Manche räumen sogar leidenschaftlich gern auf. Sie sorgen liebend gern für Ordnung oder reparieren Dinge. Einige gehen völlig darin auf im Garten zu arbeiten und ihre eigenen Lebensmittel anzubauen. Wir alle haben diese „Hobbys und Freizeitaktivitäten“ für die wir uns sehnlichst mehr Zeit wünschen.

Und spätestens an diesem Punkt kommt irgendwann der Begriff „Work-Life-Balance“ ins Spiel. Vor gut einem Jahr habe ich bereits einen Artikel mit dem Titel „Der Mythos Work-Life-Balance“ verfasst und mich seitdem noch viel intensiver damit beschäftigt. Meine ganz persönliche Leidenschaft. Inzwischen bin ich noch viel mehr davon überzeugt als damals, dass eine vermeintliche „Work-Life-Balance“ tatsächlich einer der größten Mythen ist, die unser berufliches Leben umgibt.

Genauso wie Körper, Geist und Seele nie getrennt voneinander betrachtet werden können, können auch Beruf, Familie, Beziehungen und Hobbys nie getrennt voneinander betrachtet werden.

Unser Leben in „Arbeitszeit“ und „Freizeit“ einzuteilen, ist eine unnatürliche Trennung, die nie zur Zufriedenheit führen kann. Denn wenn ich davon überzeugt bin, dass ich mich, der überwiegenden Zeit meines Lebens, einem „Muss“ (Arbeit) hinzugeben habe, wenn ich genau damit unzufrieden bin und darunter leide, kann dieses Defizit an Lebensqualität niemals von einem seltsamen Konzept wie „Freizeit“ ausgeglichen und aufgefüllt werden.

Wie sind wir (sowohl als Einzelne, als auch als Gesellschaft im Ganzen) nur in dieses System aus Stress, Überforderung und schlechter Laune geraten? Richten wir den Blick auf einige Hintergründe: Unzählige Menschen leiden heute unter dem Gefühl, es nie allen Recht machen zu können. Dennoch ist genau das ein tief verwurzelter Wunsch, der meist in einer sehr frühen Prägephase unserer Kindheit entsteht.

Damals haben wir oft (natürlich unbewusst) ausgleichende Rollen übernommen. Vielleicht wollten wir unsere überlasteten Eltern schützen und haben versucht ihnen Aufgaben abzunehmen. Oder wir wollten einer nahestehenden Person nicht noch mehr Schmerz zufügen, indem wir sie durch die Ablehnung einer Bitte oder eines Wunsches enttäuschen. Wir konnten vielleicht Streit nicht gut aushalten und haben uns immer bemüht, die Wogen wieder zu glätten. Oder wir befürchteten sogar eine Strafe, wenn wir uns nicht an die Norm in unserer Familie hielten.

Häufig wird uns suggeriert, dass wir alle völlig unterschiedliche Hintergründe haben und deshalb nur wenig gemeinsam. In vielen Dingen stimmt das natürlich. In vielen aber auch nicht. Wir haben mehr mit anderen gemeinsam als wir denken, denn die allerwenigsten von uns sind in sehr freien (und gleichzeitig sicheren!!!) Familienstrukturen aufgewachsen. Die wenigsten von uns haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bedürfnisse und Emotionen wirklich gesehen, anerkannt und ernstgenommen wurden.

Der tiefe Wunsch, es allen recht machen und alle zufrieden stellen zu wollen, ist in sehr vielen von uns sehr tief verankert.

Mit diesem Hintergrund zurück zur Work-Life-Balance. Denn hier geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Erklärungen. Nur wenn wir Zusammenhänge verstehen, werden wir wieder handlungsfähig und können damit beginnen, uns von den alten Mustern zu befreien, die uns in einem traditionellen Work-Life-Konzept festhalten.

Viele meiner Klientinnen fühlen sich ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin, ihren Kindern, ihren Eltern oder ihrer besten Freundin so sehr verpflichtet, dass sie tatsächlich glauben, für deren Glück verantwortlich zu sein. „Nein“ zu sagen und deren Wünsche nicht zu erfüllen, löst oft unbewusst unsere in der Kindheit angenommenen Muster aus. Wenn diese Muster ausgelöst werden, fühlen wir uns (in unterschiedlichem Ausmaß) unsicher. Wir werden nervös, bekommen Angst, und stürzen uns so in alles, was dieses Gefühl beenden kann. Im Alltag sieht das dann häufig so aus, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse sehr weit hinter denen anderer zurückstellen. Beispielsweise beansprucht dein Chef dich stark und geht wie selbstverständlich davon aus, dass du immer wieder spontane Überstunden machst.

Eigentlich bist du erschöpft, wolltest lieber noch beim Yoga entspannen.

Wolltest dir einen ruhigen Abend machen. Aber deine Nervosität, dich mit deinem Chef auseinandersetzen zu müssen ist groß. Innerlich ist dir an Harmonie gelegen. Konflikte steigern dein Stresslevel noch viel mehr. Also tust du lieber was er von dir verlangt. Du kannst ja auch am Wochenende zum Yoga gehen. Dein Unterbewusstsein hat mit dieser Vermeidungsstrategie gerade tatsächlich dein Stresslevel gesenkt.

Oder der Klassiker: Du hattest schon immer diese künstlerische Ader. Du hast Musik- und Theaterprojekte in der Schule geliebt und bist darin völlig aufgegangen. Noch als Jugendliche hast du davon geträumt dich weiter ausbilden zu lassen. Es müsste nicht mal Hollywood sein. Man sollte schließlich meinen, bei all der Vielfalt im Fernsehen, dass es gute kreative Jobs vor und hinter den Kulissen gibt, die dir entsprechen.

Aber aller Wahrscheinlichkeit nach, wurdest du in einem Umfeld groß, dass an feste, solide Jobs in Firmen glaubte. Und du wurdest mit Glaubensmustern geprägt, die dir sagten: „Das wird nie was! Hör auf zu träumen!“

Und da du, wie wir alle, als Kind sehr auf das Wohlwollen der Erwachsenen in deiner Umgebung angewiesen warst, fällt es dir auch jetzt noch enorm schwer, deine eigenen Bedürfnisse zu verteidigen und an erste Stelle zu setzen.

„Theaterspielen kann ja auch ein Hobby von dir sein“, hat deine Mutter dir wohlmeinend mit auf den Weg gegeben.

Du studierst also etwas Solides mit Wirtschaftsbezug und sorgst damit für Sicherheit bei dir und in deinem Umfeld. Zunächst hast du noch Spaß am Laienschauspiel in deiner Stadt und freust dich auf die Proben und gelegentliche Auftritte. Doch nach und nach, verlierst du die Lust. Du bist einfach zu müde. Dein Job, dein Chef, deine offenen Rechnungen verlangen dir zu viel ab, als dass du abends noch Termine annehmen könntest.

Und an dieser Stelle hat wieder jemand einen Punkt erreicht, an dem sich die vielgepriesene Work-Life-Balance heimlich, still und leise verabschiedet hat. Sie hat sich verabschiedet zugunsten unserer frühkindlichen Prägungen. Und sie hat sich auch verabschiedet zu Gunsten eines Gesellschaftssystems, das viel mehr davon hat, wenn wir, ohne viele Fragen zu stellen, unsere Jobs erledigen und die großen Konzerne und Wirtschaftssysteme damit füttern, anstatt auf kreative Weise unser Leben individuell zu gestalten.

Ohne jeden Zweifel: aus diesen Systemen auszusteigen erfordert sehr viel Mut.

Denn unser Umfeld suggeriert uns sehr häufig, dass es dumm, unsicher und gefährlich ist, unseren eigenen Weg verfolgen zu wollen. Wir müssen wirklich den Irrtum ablegen zu glauben, dass sich Arbeit und Leben voneinander trennen ließen. Das bedeutet nicht, dass Menschen mit einem Bürojob in einer großen Firma nicht glücklich sein können. Einige können es. Andere können es nicht.

Aber niemand von uns kann es sich leisten, sich mit einer Tätigkeit zu quälen, die keine Freude (dafür vermeintliche Sicherheit) bringt und gleichzeitig zu glauben, ein paar freie Stunden am Wochenende könnten uns zufrieden stellen.

Ich spreche deshalb inzwischen von „Work-Life-Integration“.

Doch auch dieser Begriff dient nur dazu, einen Prozess zu beschreiben, mit dem wir erfüllter leben können. Denn eigentlich geht es nur darum, grundsätzlich zu verstehen, dass wir unsere Arbeitszeit als Lebenszeit begreifen müssen, die unser wertvollstes Gut überhaupt ist.

Wenn ich von „Work-Life-Integration“ spreche geht es deshalb nicht mehr um eine Balance oder einen Ausgleich konfliktreicher Systeme. Es geht nicht mehr darum, unsere Energie zu verschwenden, indem wir versuchen ständig alles umzustrukturieren und anzupassen.

Es geht vielmehr um eine grundlegende Neuausrichtung.

Es geht darum, sich frei zu machen von den einschränkenden Mustern, die wir von unserem Umfeld geerbt haben und sich mutig voran auf den eigenen Weg zu machen. Es geht darum, Methoden im Alltag zu integrieren, die uns dabei helfen auf unseren Körper zu achten. Auf unsere Stimmung. Auf unsere Intuition. Es geht darum, die Dinge in unserem Leben von Grund auf neu zu sortieren und neu zu ordnen.

Wenn uns das gelingt (nicht im Perfekten, sondern einfach jeden Tag nur ein kleines bisschen mehr) helfen wir damit nicht nur uns selbst. Wir geben vor allem auch unseren Familien und unserem Umfeld ein alternatives Beispiel. Wir zeigen auf, wie man auch leben kann.

Und so verändern wir Stück für Stück die Welt um uns herum. Veränderung geschieht selten mit großen Paukenschlägen. Meistens ist sie das Ergebnis beständiger, mutiger, kleiner Schritte in eine neue Richtung.

Mehr über Sabrina und ihre Arbeit mit Angel Coaching und Reconnective Healing® erfährst du unter www.sabrinnaumann.de

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