Gastbeitrag Kreativität

Carla Vogelsang von mysonnengruss.de über Kreativität

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Ich bin Yogalehrerin und Gestaltpädagogin. Kreativität ist also quasi mein täglich Brot. Stell dir vor, du weißt im Vorfeld nicht, wer gleich vor dir auf seiner Matte sitzen und dich mit großen Augen anschauen wird und vor allem nicht, welche Geschichte hinter jedem einzelnen steckt.

Und dann am Anfang der Stunde lüftet sich der Schleier und das Erkennen beginnt.

Da sitzt zum Beispiel Klaus, der vor einem Vierteljahr ein neues Knie bekam und Elske, eine rüstige Rentnerin mit Arthrose und da ist Maria mit ihrem Burnout und Sina, die vor kurzem Mama geworden ist und dann ist da noch Jochen und der hat`s an der Luft und am Herzen…

Eine Herausforderung für alle, die nicht den Luxus haben, eine Yogastunde nach Levels planen zu können. Eine Wundertüte für die, die natürlich jedem „Kursi“ gerecht werden wollen, weil Menschen Gutes tun einfach ihre Passion ist. Da du aber nicht weißt, wer vor dir liegen wird, hast du deine Stunde auf ein Thema oder eine Übung oder ein Chakra abgestimmt und langsam schwant es dir: die geplante Stunde und dein Bedürfnis, alle mitzunehmen, KANN so nicht klappen.

Was brauchst Du da: Yep! Kreativität …und a deep breath, um nicht zu verzagen.

Du gehst also her und beginnst Deinen roten Faden zu einem „Pulli“ zu „stricken“, der jedem passt und bei dem sich jeder gut und sicher fühlt. Du bricht Übungen runter, lässt Anteile weg, modellierst die Eckdaten um. Vielleicht musst Du sogar Dein Ziel verändern oder einige Asana-Abwandlungen erfinden. Vielleicht musst Du ganz tief aus dem Bauch heraus den nächsten Schritt tun…, selbst mitfließen und Dich treiben lassen, dem Spirit folgen.

Manchmal fühlt es sich an, als wärest Du Gotthilf Fischer und würdest ein riesiges Orchester dirigieren: „Christiane, du bleibst im down dog…, die dritte Reihe bitte einmal in den high lunch…, ihr zwei dort vorne legt das Knie ab…, dort hinten rechts…- ja – ihr zwei bitte einmal in den Krieger 1“… Yep!

Das ist für mich Kreativität und keine Angst davor, Dich auch mal selbst ein wenig vorzuführen. Yoga muss nicht bierernst sein. Dann guckst Du in diese Augen, siehst wie Du das Yogafeuer in jedem Einzelnen entfacht hast und denks: „Jaaaaa, genau sooooo ist es perfekt“.

Mir macht das riesigen Spass und ich stehe auf ein groooßes Orchester.

Und auch in der Gestaltarbeit, wo ich viel mit Bildern und Traumreisen, mit Collagen, Bauklötzern und allem möglichen anderen spannendem Werk-„Zeug“ arbeite um das Unterbewusstsein meines Klienten anzukitzeln, gucke ich doch auch schon mal in verdutzte, ja fast panische Gesichter…

“MALEN!? BASTERLN!? AUS WAS!? AUS KAFFEEFILTERN!? NEVER!!“ …und dann führst du den Klienten langsam an die Sache ran, erklärst ihm, wieso das Ganze, denn du willst ja an sein Gefühl und dazu musst du bei dem ein oder anderen erst einmal an der Logik vorbei.

Du ermutigst und machst klar, dass es hier nicht um dich geht, sondern um den Klienten.

Manchmal musst du auch neue Werkzeuge erfinden, wenn du merkst, dass deine geplanten Tools die Hauptperson nicht erreichen. Auch da heißt’s: Sei kreativ, lass Dich drauf ein und vor allem, sei nicht Therapeut und sitze deinem Klienten gegenüber, sondern sei therapeutisch ausgebildeter Mensch und sitze einem genauso wertvollen Menschen gegenüber wie du selbst es bist.

Klar, du solltest deinen eigenen Keller aufgeräumt haben, bevor Du am dach des Anderen an einer „Baustelle“ arbeitest. Alles in Allem sei gesagt: Diese Möglichkeit der kreative Umsetzung therapeutischer Tools und deren Wirkung beim Klienten ist einfach toll.

Aber nun noch einmal zu dem Bild, dass der Klient malen „durfte“, im Anschluss an eine Traumreise; um sein Unterbewusstsein und nicht seine Ratio sprechen zu lassen. Im Fachjargon heißt das ‚Katathymes Bilderleben‘.

Hier geht’s zu keiner Zeit um die Schönheit des Bildes und doch bin ich ganz offen zu Euch: Das was dann vor den Klienten liegt, ist immer ein ganz besonderes Kunstwerk, mit jeder Menge Tiefgang und einer individuellen, besonderen Kreativität, wie sie nur diese Person, in diesem Moment, mit diesem Thema erleben und niedermalen kann. Perfekt wie es ist und ein Unikat.

Mein Fazit aus meiner Arbeit lautet also: Jeder ist kreativ.

Kunst kommt nicht von Können, sondern von machen und Spaß dran haben, genau wie Kreativität dadurch erfahrbar wird, dass man (sich) spürt, sich treiben lässt und einfach macht…

Ein Kreativer umgeben von Kreativen! Phantastisch, nicht wahr!?

Text: Carla Vogelsang, Yogalehrerin, Gestaltpädagogin
 www.mysonnengruss.de

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