Erzählung: Clara und Murphy und der Gipfel der Gefühle, Kapitel 1

„Freust du dich denn gar nicht, dass du noch lebst?“

„Ich bin mir nicht sicher. Sollte ich das denn? Und wer spricht da überhaupt?“

„Mein Name ist Murphy.“

„Wo bist du?“

„Auf dem Gipfel.“

„Und wo bin ich?“

„Im Tal. Und sitzt in einer Höhle.“

„Ich wusste nicht, wohin mit mir. Aber warum kann ich dich hören, wenn du auf dem Gipfel stehst und ich im Tal hocke?“

„Weil wir uns jenseits von Raum und Zeit begegnen und nicht über unseren Verstand kommunizieren, sondern unsere Herzen zueinander sprechen lassen.“

Das war die erste von vielen besonderen Unterhaltungen, die Clara noch mit Murphy führen sollte. Kein Licht, kein Schein, nichts war zu sehen. Nur samtiges Schwarz vor Claras Augen, in das sie sich hatte hineinfallen lassen wie in einen traumlosen Schlaf. 

„Ist es denn wirklich immer ein Glück, wenn man überlebt hat?“, brachte Clara das Gespräch wieder in Gang.

„Das kommt darauf an, was man davon erwartet. Und das gilt für das Leben ebenso wie für den Tod,“ antwortete Murphy. 

„Träume ich das hier gerade? Bin ich von dem Schlag auf meinen Kopf vielleicht bewusstlos geworden?“

„Sicher ist, dass du am Leben bist. Und dich anscheinend an das Zugunglück erinnerst.“

Wie zur Bestätigung ließ Clara ein dumpfer Schmerz über dem rechten Auge nach ihrer Stirn tasten und ihre Finger über eine wallnussgroße Beule wandern. Obwohl alles um sie herum dunkel erschien, schloss Clara ihre Augen, um die Bilder von dem, was geschehen war, noch einmal auf ihre geistige Leinwand zu projizieren.   

NOTBREMSUNG

Clara erinnerte sich daran, dass ihre Erschöpfung größer als die Angst gewesen war vor dem, was sie hinter geschlossenen Augen zu sehen bekommen würde. Als sie aus einem nervösen Traum aufschreckte und sich umsah, wurde ihr bewusst, dass sie alleine im Abteil saß. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war die junge Frau auf dem Sitzplatz neben ihr. Sie hatte zu viel Parfum aufgetragen. Jetzt war der Zug menschenleer, fuhr schnell und ließ diffuse Landschaften an Clara vorbeifliegen. 

Sie war eingestiegen, um ihren Zielen wieder ein Stückchen näher zu kommen. Beruflicher Erfolg, finanzielle Sicherheit, menschliche Bestätigung. Jeden Morgen stieg sie mit vielen anderen Menschen in diesen Zug. Jeden Tag machten sie sich alle auf die gleiche Hin- und Rückfahrt. Aber kamen sie dabei auch wirklich vorwärts oder jemals irgendwo an? 

Clara wunderte sich über ihre Gedanken und darüber, dass der Zug immer schneller wurde. Sie versuchte, die vorbeifliegende Kulisse vor ihrem Fenster zu identifizieren, aber sie erkannte keine Ortschaft, keinen Landstrich, ihr Blick verirrte sich in schemenhaften Formen und flirrenden Lichtern. 

Sie lief durch die Abteile, um sich nach weiteren Passagieren oder einem Fahrkartenkontrolleur umzuschauen und wanderte durch mehrere Wagons, ohne jemanden zu finden. Schließlich landete sie ganz vorne an der Lokführerkabine.

Clara klopfte an, bekam aber keine Rückmeldung. Sie klopfte noch dreimal und öffnete die Tür schließlich einen Spalt, um sich mit einem „Hallo, entschuldigen Sie bitte?“ anzukündigen. Keine Antwort. Als sie schließlich in die Kabine eintrat, erstarrte auf der Stelle – die Fahrerkabine war leer, der Zug war führerlos. Niemand bediente das Steuerpult, auf dem tausend Knöpfe gleichzeitig und leuchteten wild durcheinander blinkten.

Der Blick durch die große Heckscheibe schockierte sie ein zweites Mal, als sie realisierte, dass der Zug ungebremst auf eine massive Mauer zu raste. Verzweifelt begann sie Knöpfe zu drücken, völlig ahnungslos, was dann passieren würde. Adrenalin schoss durch ihren Körper und sie begann so laut und schrill zu schreien, dass ihr davon beinahe selbst das Trommelfell zu platzen drohte. Plötzlich fiel ihr ein leuchtend roter Griff ins Auge, sie zog ihn, wurde im gleichen Augenblick nach vorne geschleudert, knallte mit dem Kopf gegen das Steuerpult und sackte in sich zusammen.

TRAUM

Hinter ihren geschlossenen Augen begann Claras Unterbewusstsein ausgelassen zu tanzen. Sie badete mental in den schönsten Farben, die sie je gesehen hatte und schaute fasziniert dabei zu, wie diese sanft ineinander verschmolzen und ein lebendiges, organisches Bild für sie zu malten. Aus diesem Farbspektrum trat auf einmal der schemenhafte Umriss eines kleinen Kindes heraus und zeitgleich wurde Clara von einer unbefangenen, reinen Lebensfreude förmlich durchflutet.

In dem zarten Körper des Kindes verdichteten sich die pulsierenden Farben und formten sich zu Gebilden, die Samenkernen ähnelten. Von außen flossen die Farben durch den sanft schimmernden Umriss des kleinen Körpers hinein, sammelten sich in den Samenkernen und schienen sie zu versorgen. Das Kind streckte die Hände in die Höhe und aus seinen Handflächen strahlten die Farben des Regenbogens leuchtend wieder hinaus. 

Es schien ein Kreislauf zu sein. So wie die Farben nach innen eindrangen, strahlten sie aus dem Kind wieder heraus. Die Samenkerne waren eine Art Energiezentrum, in das alles einging und von dem auch alles ausging. Das Kind teilte die Farben mit seinen Händen stetig aus, drehte sich, wirbelte und experimentierte ohne Unterlass. Es war ein faszinierendes, wunderschönes Bild, von dem Clara stundenlang hätte weiter träumen können. 

Der Traum ging auch weiter – nur nicht so, wie Clara es sich gewünscht hatte. Das Kind wuchs heran und sein sanft schimmernder Umriss entwickelte sich zu einer immer schärfer werdenden Kontur. Der Farbfluss verlangsamte sich, ebenso wie die Bewegungen. Die Farben verblassten und konnten nicht mehr so einfach durch die immer dicker werdende Kontur der Silhouette eindringen.

Die schwarze, dichte Kontur wuchs nach innen, bis sie den Körper schließlich fast ganz ausfüllte. Nur ein winzig kleiner Punkt im Brustkorb blieb offen, eine winzige Höhle, in der ein einzelnes Samenkorn verborgen lag und schwach schimmerte. Die Farben verwandelten sich in Grautöne, die Szene stagnierte, das Bild fror ein. 

Clara wachte auf und fand sich am Fuße eines Berges auf der Erde liegend wieder. Die Lebensfreude, die Energie, das Kind, all das war wie weggewischt. Zurückgeblieben waren ihr müder, schwerer Körper und der Zug, den Clara aus voller Fahrt zum Stehen gebracht hatte. Sie sah sich benommen um, bis ihr Blick sich an einem Bild festkrallte, das ihr die Tränen in die Augen trieb. Der Zug stand. Direkt vor der Mauer. Unversehrt. Und sie war am Leben.

TIEFE

Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte hemmungslos. Vielmehr noch kam es Clara vor, als würde sie geweint werden, denn sie konnte nicht mehr damit aufhören. Die Tränen liefen in Strömen, sammelten sich auf ihren Lippen und sie ließ sich ihren Kummer bittersüß auf der Zunge zergehen. Viel zu lange schon hatte sie diese Tränen zurückgehalten. Viel zu oft hatte sie sich zusammengerissen, hatte die hochkochenden Emotionen heruntergeschluckt und ein tapferes Lächeln aufgesetzt.

Aber im Angesicht der Mauer, an der ihr Zug nach Nirgendwo beinahe zerschellt wäre, gab es kein Halten mehr. Wie schwarze Perlen fiel Träne für Träne zu Boden und versickerte im gleichen Moment, in dem sie ihn berührte. Als würde er sie alle aufsaugen und jede einzelne vergessen machen wollen. Clara weinte sich bis auf den Grund ihrer Seele.

Als sie ganz unten angekommen war fühlte sie sich leer, ihr Körper war nur noch eine steife Hülle, zum Bersten voll mit greifbarem Nichts. Um sie herum herrschte eine so absolute Stille, dass sie sich die Ohren zuhalten musste. Der Lärm in ihrem Kopf wurde unerträglich. Sie richtete sich auf, atmete tief ein und schrie ihn mit aller Kraft, die sie noch hatte, hinaus.

Ihr Schreien war ein Brüllen, rauh und schwer. Es trug all die restlichen angestauten Emotionen mit sich, an die die Tränen nicht herangekommen waren. Hier am tiefsten Punkt der Seele war ihr jedes Mittel recht, um herauf zu holen, was endlich frei gelassen werden wollte.

Clara hatte das Gefühl, in eine eiskalte Dunkelheit zu stürzen. Sie wurde in eine ihr unbekannte Tiefe gezogen, spürte, wie ihr Körper sich mit Schwermut vollsaugte und sie immer weiter nach unten sank. Sie wehrte sich nicht und landete leise wie eine Feder auf dem Grund.

ATMEN

Während sie darauf wartete was als Nächstes passiert, wurde ihr bewusst, dass sie atmete. Während sie geweint hatte, während sie geschrien hatte und während sie gefallen war, hatte sie auch immer weiter geatmet.

So wie jetzt. Clara atmete ruhig und gleichmäßig und spürte eine große Dankbarkeit in sich aufsteigen. Sie ließ ihren Atem zum Gebet werden. Sie konnte keine Worte formen, sie konnte nur atmen und jeder Atemzug war ein Aufnehmen und ein Aussenden von Dankbarkeit. 

Clara beschloss, ihre Kleider auszuziehen. Nacheinander streifte sie die verschiedenen Stofflagen wie alte Haut von meinem Körper ab, bis sie leicht genug war, um sich vom Grund abzustoßen und von der Strömung nach oben leiten zu lassen. Sie sah Lichtstrahlen von oben ins Schwarz hineinleuchten und wünschte sich, sich an einem weißen Sandstrand in der Sonne wärmen zu können, sobald sie an die Oberfläche gelangt war. Die Lavalandschaft, die sie empfing, bot dazu allerdings nicht gerade die passende Kulisse. 

Das eine Schwarz spuckte Clara hinaus aufs andere, dessen Boden glühend heiß war und scharfe Kanten hatte. Wie gerne wäre sie einfach stehengeblieben um sich auszuruhen. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu rennen. Sie rannte so schnell sie konnte, versuchte den heißen Boden immer nur so kurz wie möglich zu berühren. Aber sie kam nicht von der Stelle.

Claras Füße brannten, ihre Beine wurden müde und irgendwann fragte sie sich, wohin sie eigentlich rannte. Und wieso sie überhaupt rannte. Was gab es zu gewinnen? Warum musste immer alles in einen Wettkampf ausarten? Natürlich, sie wollte sich nicht die Füße verbrennen! Aber wenn rennen nicht hilft und sie so nicht vorankommen konnte, wie denn sonst? 

TANZEN

„Augen zu und tanzen!“ stand auf einem Wegweiser, der inmitten dieser kargen Lavalandschaft Claras Blick auf sich zog. Wer kam auf die Ideen ihn hier aufzustellen? Und darauf, zu tanzen, wenn unter einem der Boden brennt?

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen! Und das hier war ohne Frage eine besondere Situation. Clara hatte den Zug gestoppt, war ins Bodenlose gefallen und wieder aufgetaucht. Jetzt sollte sie also tanzen, um ihren Weg fortzusetzen.

Clara rief sich ein Lied ins Gedächtnis und ließ den Rhythmus aus ihrem Kopf in ihren Körper fließen. Sie fing an, mit geschlossenen Augen auf das Ungewisse zu zu tanzen. Immer einen Schritt nach dem anderen. Die Steine unter ihren Füßen veränderten dabei nach und nach ihre Form, sie wurden rund und glatt und immer kleiner und feiner. Die Hitze ließ nach, der Boden wurde angenehm warm. Clara tanzte sich vorwärts, setzte einen Fuß vor den anderen und bekam festen Boden unter den Füßen.

SCHUTZ

Irgendwann war sie müde vom Tanz und sah sich nach einer Möglichkeit um, um sich auszuruhen. Nach ein paar Minuten entdeckte sie in der Ferne einen Höhleneingang, lief darauf zu und die Höhle offenbarte sich als sicherer Unterschlupf, der scheinbar nur auf sie gewartet hatte und sie jetzt einladend in Empfang nahm. Clara setzte sich hinein und ließ ihren aufgewühlten Atem ruhig und gleichmäßig werden.

Sie fühlte sich sicher und geborgen, in dieser Höhle fand sie Schutz vor all dem, vor dem sie weggerannt war. Vor sich selbst, vor ihren Gedanken und vor allem vor ihren Gefühlen. Bis zu dem Moment, in dem Murphy in ihr Leben trat. 

„Du redest also von Herz zu Herz mit mir? Das kann gar nicht sein, denn auf mein Herz habe ich schon lange nicht mehr gehört. Ich würde es gar nicht verstehen, wenn es mir etwas zu sagen hätte.“

„Deshalb haben wir ja auch diesen, nun sagen wir mal, etwas dramatischenWeg gewählt, um uns dein Gehör zu verschaffen.“

„Etwas dramatisch? So nennst du, nennt ihr es, wenn ihr versucht, den Zug, in dem ich sitze, mit Vollgas gegen die Wand krachen zu lassen? Und wer seid ihr überhaupt?“

„Wir, das sind dein Herz, deine Seele, dein Selbst, dein Bauchgefühl – eigentlich alle, außer dein Ego. Und dann wäre da noch eine ganz besondere Person, aber sieh selbst…“

Aus dem Dunkel der Höhle trat schüchtern ein Kind, das suchend wie ein erschrockenes kleines Tier um sich schaute und in dem Moment, in dem es Clara erblickte, in ihre Arme stürzte. Clara zögerte, hielt die Arme weit offen und von sich gestreckt, überwältigt von dem Zutrauen des Kindes und verunsichert, was sie jetzt machen sollte.

Bis es ihr plötzlich vorkam, als hätte sie etwas wiedergefunden, würde sie an etwas erinnert werden, dass sie verloren und vergessen hatte – die Verbindung zum Leben und zu sich selbst. Clara schloss die Arme und hielt das Kind fest darin, wiegte und beruhigte es.

„Endlich bist du wieder da“, sagte das Kind und drückte sich noch ein bisschen fester an Claras Brust.

Fortsetzung folgt …